I.

Ehrlichkeit im Gebrauch seines Denk- und Erkenntnisvermögens ist für den zeitgenössischen Intellektuellen stärker noch Ehrensache als für den traditionellen Handwerker sorgfältige Arbeit in seinem Metier. Stand für den letzteren bloß das Vertrauen seiner Kundschaft auf dem Spiel, so geht es für ersteren um nichts Geringeres als um den gesamtgesellschaftlichen Kredit, den er und sein Tun genießen. Das Denken des Intellektuellen im Allgemeinen und methodisch-szientifisches Erkennen im Besonderen stehen in unseren heutigen Gesellschaften mit großer Selbstverständlichkeit im Ruf eines seiner ganzen Intention nach auf die Sache gerichteten, rein nur am Erkenntniszweck selbst orientierten und eo ipso von allen subjektiven Rücksichten, Gruppeninteressen und sogar Gattungsverpflichtungen unbeeinträchtigten Geschäfts. Der intellektuellen Wahrnehmung wird mit der allergrößten, fast schon naiv beziehungsweise unheimlich anmutenden Bereitwilligkeit die gute Absicht und das heiße Bemühen unterstellt, als ein getreuer Spiegel und als unparteiisches Reflexionsmedium des Erkannten zu fungieren. Niemals zuvor hat wohl eine menschliche Gesellschaft ihren Intellektuellen im Blick auf deren guten Willen und aufrichtigen Eifer solch weitreichende Avancen gemacht. Wenn das Ergebnis intellektueller Bemühungen, was Konsistenz und Plausibilität betrifft, zu wünschen übrig lässt, so wird bis zum Beweis des schlechterdings nicht mehr zu ignorierenden, krassesten Gegenteils nicht fremder Einfluss, böser Wille, Unredlichkeit, sondern Irrtum, Unachtsamkeit, Ungenügen oder äußeres Missgeschick, kurz, jedes nur denkbare akzidentielle Widerfahrnis dafür verantwortlich gemacht.

Dieses vorteilhafte Bild, das sich die Gesellschaft von ihm macht, lässt der Intellektuelle sich nicht nur gern gefallen, er hat es sich mehr noch längst zu eigen gemacht. Von seinem reinen Herzen, seinem ehrlichen Eifer ist er mittlerweile nicht weniger felsenfest überzeugt als die Gesellschaft. Grüblerische Gewissenserforschung, zermürbender Selbstzweifel sind keine Untugenden des modernen Intellektuellen. Getragen von gesellschaftlicher Achtung und gesellschaftlichem Vertrauen, denkt er frohgemut vor sich hin, reflektiert und konstruiert er im Vollgefühl seines grundehrlichen Beginnens, was das Zeug hält. Und weil das aber so ist, weil rückhaltlos lautere Absicht und fraglos redliches Bemühen beim Denkgeschäft die Basis gleichermaßen des Bildes der Gesellschaft von ihm und seines eigenen Selbstverständnisses ist, geht dem Intellektuellen nun aber auch jeglicher Zweifel an der Haltbarkeit dieses Bildes und Selbstverständnisses stracks wider die Natur und stellt für ihn einen ebenso zentralen wie heimtückischen Angriff auf seine mit persönlicher Integrität deckungsgleiche Berufsehre dar. Wer ihm mit dem Verdacht der Fremdbestimmtheit oder Unaufrichtigkeit oder gar mit Täuschungsvorwürfen kommt, der begeht eine Todsünde wider den Geist, der das Geisterreich und die Gelehrtenrepublik unserer Tage erfüllt und zu dessen wesentlichen Benimmregeln gehört, dass man Intellektuellen alles nachsagen darf, nur keinen bösen Willen.

Macht diese seine um den Fetisch der Ehrlichkeit sich drehende Ehrpussligkeit den Umgang mit ihm schon heikel genug, – was den modernen Intellektuellen vollends unausstehlich werden lässt, ist der Umstand, dass es für ihn eigentlich gar keinen Verdacht und Vorwurf gibt, den er nicht in letzter Instanz als Angriff auf seine Redlichkeit, seinen guten Willen begreifen und deshalb mit aller zur Ehrensache erklärten Indignation, deren er fähig ist, zurückweisen muss. Tatsächlich nämlich korrespondiert beim modernen Intellektuellen der Intensität seines auf die persönliche Lauterkeit fixierten Ehrgefühls auf höchst niederschmetternde Art die Umfänglichkeit des Bereichs, der dem Schutz dieses Ehrgefühls untersteht. Kein Vorwurf, und sei dieser auch noch so sehr auf objektive, seiner Kontrolle entzogene Mechanismen gemünzt, den er sich nicht flugs als einen seine subjektive Zuständigkeit betreffenden zu eigen macht. Kein in Verdacht genommener Sachverhalt, und ziele dieser auch noch so sehr auf Einwirkungen unpersönlicher Mächte und Instanzen, für den er nicht sofort und mit aller Macht die persönliche Verantwortung zu übernehmen strebt. Was den modernen Geistesarbeiter wie kaum etwas anderes auszeichnet, ist eine geradezu krankhafte Bereitwilligkeit, für seine intellektuellen Ausgeburten, seine Gedanken, die Verantwortung zu übernehmen. Basis dieser an traditionelles Offiziersgebaren gemahnenden Verantwortungssucht ist ein Bewusstsein grenzenloser subjektiver Autonomie, eine aberwitzige Zuversicht, in allen Punkten und in jedem Fall Herr und Meister seiner Denktätigkeit zu sein und zu bleiben. Was beim Offizierstyp früherer Tage noch ein mit dem Sein krass konfligierendes und deshalb zu ständiger tragischer Heteronomisierung, ständigem fatalem Scheitern führendes Sollen war, jener Autonomieanspruch, kraft dessen man in allen Lebenslagen Herr der Situation und unter allen Umständen Meister seines Geschicks zu sein, für alles die Verantwortung zu übernehmen, jeden Schuh sich anzuziehen, jeden Handschuh aufzulesen hatte, – genau jener Anspruch präsentiert sich im Bereich der Denk- und Erkenntnistätigkeit des modernen Intellektuellen als uneingeschränkt positives Bewusstsein, als ganz und gar nicht mehr von Fatalität umwitterte Behauptung, durchaus nicht mehr zur Tragik disponierende Bestimmung.

Ganz so aberwitzig umfassend wie bei der Offiziersehre ist bei der Intellektuellenautonomie der Zuständigkeits- und Verantwortungsbereich allerdings nicht. Äußere Kontingenz, von der Sache her stammende, vom Erkenntnisobjekt herrührende Unzuverlässigkeit, Fehlerhaftigkeit, Desinformation schließt er nicht ein. Solche Kontingenz, die so manchen braven Offizier, ohne dass er recht wusste, wie ihm geschah, über die Klinge hat springen lassen oder im Duell gefällt hat, gilt beim heutigen Intellektuellen durchaus als Entlastungs- und Entschuldigungsgrund, wird bemüht, wenn es gilt, unzulängliche Erkenntnisleistungen als solche zu konstatieren, ohne die Ehrlichkeit des Betreffenden, seine Berufsehre, in Zweifel zu ziehen. Aber was um so entschiedener in den Verantwortungsbereich des Intellektuellen fällt, ist innere Heteronomie. Nicht zwar für den von vorn, vom Objekt her auftretenden Zufall, wohl aber für das von hinten, aus dem Hinterhalt des Subjekts selbst eintretende Schicksal übernimmt der moderne Intellektuelle die volle Verantwortung. Und es fällt ihm nicht schwer, sie zu übernehmen, weil es nämlich dieses Schicksal für ihn überhaupt nicht mehr gibt. Innere, schicksalhafte Heteronomie ist das, was der Autonomiebegriff des modernen Intellektuellen ausschließt, und wovon sein auf intellektuelle Ehrlichkeit pochendes Bewusstsein nichts mehr wissen will. Dass der Mensch in seinem Erkennen von Rücksichten hinter seinem Rücken gelenkt, von direkt aus dem Sein aufs Bewusstsein Einfluß nehmenden Interessen bestimmt, in seiner besonderen Reflexion von allgemeinen Reflexen beherrscht werde, diese Möglichkeit ist es, die der Autonomiebegriff des modernen Intellektuellen und seine darauf aufbauende Verantwortlichkeit peremptorisch zurückweist. Räumte er diese Möglichkeit ein, er könnte nicht, wie er tut, Ehrlichkeit, Redlichkeit, guten Willen als oberste und, was die Seite des Erkenntnissubjekts angeht, einzige Kriterien bei der Beurteilung des Erkenntnisgeschäfts behaupten. Was hat Ehrlichkeit mit dem hinterhältigen Zwang von Klasseninteressen und Ansprüchen auf Erhaltung eines Lebensstandards zu tun, was guter Wille mit der Wirklichkeit objektiver Verblendung zu schaffen?

Hätte der moderne Intellektuelle noch eine Ahnung von diesem Pandämonium einer die Fäden des Denkens ziehenden, ebenso selektiven wie suggestiven, kollektiven Wahrnehmung hinter und in allem individuellen Bewusstsein, er könnte sich unmöglich autonom behaupten, geschweige denn, seine unter dem imperativen Einfluß jener kollektiven Wahrnehmung zustande gekommenen Denkerzeugnisse der behaupteten Autonomie zugute schreiben. Er müsste vielmehr jenes melancholische Pathos des Intellektuellen des 19. Jahrhunderts neu hervorkehren, der alles von sich glauben mag, nur dies nicht, autonom zu sein. Er müsste sich wie der Intellektuelle des 19. Jahrhunderts abermals unter ständigen Ideologieverdacht stellen, sich dem überall lauernden und permanent dräuenden Vorwurf aussetzen, in seinen eigensten Gedanken fremdbestimmt, in seinen empirischsten Begriffen von heimlichen Vorurteilen geleitet, selbst noch in seinen souveränsten Behauptungen Marionette fremder Willenskraft, in seinen reflektiertesten Vorstellungen Spielball instinktiver Orientierungen zu sein. Und er müsste wieder seine Zuflucht zu einer Fetischisierung jener methodischen Absicherungen und empirischen Schutzvorkehrungen nehmen, mit deren Hilfe der Intellektuelle des 19. Jahrhunderts seinem Denken nachweisbare Rationalität und seinem Erkennen vorweisbare Objektivität zu verleihen sucht: Er müsste auf einem systematischen Verfahren bestehen – den Primat der Methode neu installieren, und er müsste auf empirische Belege pochen – den Kult der Quelle wiederaufleben lassen.

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